Paraguay und die Politik

Paraguayer bei der Wahl 2018 in Asuncion

Politik ist in Paraguay ein großes Thema.

Gerade jetzt, wo bald Wahlen sind und man den Wahlkampf mehr oder weniger laut auch täglich miterleben darf. Von Leuten die gerade erst aus Deutschland hier angekommen sind, höre ich oft verwunderte Fragen. Meist geht es in die Richtung “Warum die ganze Aufregung? Ist doch egal welcher Fuzzi gewählt wird, haben ja alle Parteien sowieso das gleiche Programm.” Ja, für das Volk als ganzes, mag das schon so stimmen. Aber für den Einzelnen Funktionäre, oder auch seine ganze Familie, stimmt das ganz und gar nicht. Warum das in Paraguay so ist, wollen wir uns jetzt einmal etwas Genauer betrachten.

Parteien und Geschichte

Die größte Partei Paraguays ist die “Partida Colorado”, kurz ANR genannt, welche bis zur Wahl von Fernando Lugo 2008 über 60 (!) Jahre lang den Präsidenten stellte. Seit 2018 ist jetzt Herr Mario Abdo Benitez Präsident, ebenfalls von der konservativen Colorado Partei.

Die andere wichtige Partei des Landes ist die “Partido Liberal Radical Autentico”, kurz PLRA genannt, welche Lugo zur Wahl verholfen hat, ansonsten aber in den letzten 70 Jahren eben nicht den Präsidenten gestellt hat. Viele Paraguayer sind sowohl bei der ANR, als auch bei der PLRA Parteimitglieder; sicher ist sicher.

Politik in der Gesellschaft

Das Positive zuerst; wer in Paraguay nur lebt und vielleicht seine Rente oder seine Zinsen genießt, der braucht sich um Politik nicht wirklich zu kümmern. Wer jedoch ein Unternehmen gründen will und eventuell plant Mitarbeiter zu beschäftigen, der sollte sich schon grundsätzlich klar sein wie der Hase läuft.

Fast alle Jobs im öffentlichen Bereich, werden in der Regel über das Parteibuch bzw über Gefallen unter Parteifreunden vergeben. Das beginnt im lokalen Bereich, also etwa im Dorf in dem Sie wohnen, und geht bis ganz nach oben. In Ihrem Dorf läuft es vielleicht in etwa so ab: “Wenn ich gewählt werden, dann bekommt deine Familie einen Lehrerposten für alle 300 Cedulas die du mir bringst (= Wählerstimmen)”.

Nach der Wahl

Nach der Wahl werden dann entsprechend viele Posten entweder neu geschaffen, oder eben mit verdienten Familienmitgliedern um-besetzt. Ob diese überhaupt für die Tätigkeit qualifiziert sind, oder gar eine Ausbildung dafür haben, das sind Fragen die eher nicht gestellt werden. Auch Sozialunterkünfte (bis hin zu geschenkten kleinen Häusern) oder Unterstützungszahlungen für die Ärmsten – alles läuft nur über gute Beziehungen zur Politik. Hübsche junge Mädchen haben da neben weitläufigen Familienmitgliedern noch die besten Chancen, solange sie in ihrer Dankbarkeit entsprechend flexibel sind. Die wirklich armen und bedürftigen Menschen dürfen daher nur am 30. Februar ihre Anträge stellen.

Das mag es in der einen oder anderen Form in fast allen Staaten der Erde geben. Aber selten ist es so stark ausgeprägt wie hier in Paraguay. Vor ein paar Monaten war eine Aufnahmeprüfung für einige Posten im Staatsdienst. Der Prüfungsbeste (!) hat keinen Platz erhalten – er hatte zwar die beste Prüfung, aber er hatte keinen Mentor hinter sich.

Deswegen ist den Paraguayern die Zeit der Wahlen so wichtig.

Es geht nicht darum für das Land oder die Region etwas Positives zu bewirken, es geht um das monatliche Einkommen. Sie haben vielleicht alle gute Jobs in der Stadtverwaltung, der Schule oder liefern etwas, das diese Institutionen kaufen; gewinnt die “falsche” Partei, dann könnten ganze Familien über Nacht vor dem nichts stehen, da sie alle (!) ihre jeweiligen guten Posten nicht der Leistung oder der Qualifikation verdanken, sondern einzig und allein der Parteitreue. Da dies so ist, würde die andere Partei sie mehr oder weniger sofort loswerden wollen, um diese Posten mit den eigenen (genausowenig qualifizierten) Leuten zu besetzen. Jeder hat doch schließlich ein paar Neffen oder Nichten die ansonsten für nichts wirklich etwas zu gebrauchen sind – die sind dann versorgt. Zumindest bis zur nächsten Wahl, dann beginnt wieder das große Zittern.

Veränderungen

Daran wird sich auch zu unseren Lebzeiten (selbst wenn ein Grundschüler hier mitliest) wohl nichts mehr  ändern. Diese vielen Familien sind auch ein Garant für Stabilität. Die parteitreuen Menschen werden gut bezahlt, und sitzen an den Schalthebeln der Macht.  Da gibt es wenig Interesse an Veränderung des Status quo. Wer hier in größerem Stil Geschäfte machen möchte, der tut gut daran sich mit diesen Familien in irgendeiner Form zu einigen. Und zwar nach deren Regeln, auch wenn unser Gerechtigkeitsverständnis aus Europa manchmal laut schreit; es ist und bleibt ihr Land.

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